Linda Markthaler ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Krumbach. In ihrem Praxisalltag erlebt sie täglich, dass hinter Schulabsentismus oft tiefgreifende Ängste stehen. Hier berichtet sie, wie sie den AV1 Avatar erfolgreich als Brücke in einem therapeutischen Gesamtkonzept einsetzt

In meiner Arbeit als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin bin ich häufig konfrontiert mit Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Schule gehen. Oft begegnen mir Vorurteile im Sinne von „Schuleschwänzen“ aus dem Umfeld des Kindes. Allerdings liegt das Thema oft deutlich tiefer. Einerseits sind es Kinder, die Leistungsängste haben, mit Sozialen Phobien, Transgenderidentitäten oder andererseits auch Posttraumatische Belastungsstörungen oder Panikstörungen, um nur ein paar Störungsbilder zu nennen. Ich möchte gerne einen Fall kurz beschreiben.

Fallbeispiel: Emotionale Störung mit Trennungsangst

Die Eltern beschrieben eine schwierige, traumatische Geburt mit vielen Ängsten auf Elternebene um das Kind. Zudem scheint das Kind eine grundsätzlich ängstlich, sensibles Temperament zu haben. Bereits im Kindergartenalter waren Trennungen schwierig. In der Grundschule kam es dann zu einer Emotionalen Störung mit Trennungsangst des Kindesalters (F93.0). Als die Eltern das Kind in meiner Praxis vorstellten, war der Schulbesuch bereits seit Monaten nicht mehr möglich und auch im Alltag konnte sich das Kind nicht von einem Elternteil trennen.

In der Behandlung fanden klassische Methoden der Angsttherapie Anwendung. Auf eine Psychoedukation und Elternberatung folgte eine graduierte Exposition in vivo, also eine stufenweise Konfrontation mit der angstauslösenden Situation. Anfangs nahm das Kind zusammen mit einem Elternteil auf dem Flur bei offener Tür am Unterricht teil, dann sollte das Kind für 10 min in die Klasse, während der Elternteil an der Tür wartete. So wurde nach und nach die Schwierigkeit erhöht.

Die logistische Hürde und die Lösung durch AV1

Die Expositionen begannen zur 3. Stunde, da es noch ein kleines Kind in der Familie gab, das zum Kindergarten gebracht werden musste und somit lediglich der Start zur 3. Stunde für die Eltern möglich war. Mit der Zeit stellten wir fest, dass die Belastung innerfamiliär anstieg, da nachmittags die ersten beiden Stunden nachgeholt werden mussten.

So entstand dann die Idee, dass das Kind Stunde 1 und 2 zuhause über den AV1 unterrichtet werden könnte, bis das kleinere Kind im Kindergarten ist. Im Anschluss fuhren die Eltern und PatientIn dann an die Schule für die tägliche Expositionsübung. Zur dritten Stunde fiel es dem Kind besonders einfach, da die anderen Kinder davor in der Pause waren und der „Schwung“ zurück ins Klassenzimmer genutzt werden konnte, um die Trennungssituation einfacher zu machen.

Therapeutischer Mehrwert: Exposition „in sensu“

Besonders interessant ist an der Anwendung des AV1 in diesem Fall, dass sozusagen eine Exposition in sensu (also in Gedanken) durchgeführt werden konnte. Die Vorstellung, allein in der Klasse ohne Elternteil zu sein, konnte so von zuhause aus geübt werden. Auch die reale Trennung von den Eltern (wenn sie zum Kindergarten fuhren) konnte so in einem sicheren Umfeld zuhause geübt werden.

Insgesamt hatte sich die Lage nach einigen Wochen deutlich verbessert und das Kind konnte wieder regulär zur ersten Stunde in die Schule. Hier war der AV1 ein wichtiger Baustein im Gesamtbehandlungskonzept.

Einbettung in das Gesamtkonzept

Wichtig ist auch, dass die Anwendung des AV1 gut in ein Gesamtbehandlungskonzept eingebettet sein muss. Ein Kind mit Trennungsangst lediglich via Avatar zu beschulen, macht natürlich wenig Sinn und kann die Vermeidungstendenz sogar verstärken. Es hingegen therapeutisch als Brücke zum Schulbesuch und in Kombination mit Expositionen zu nutzen, macht absolut Sinn und kann auch manchmal den Druck, der durch die Schulpflicht entsteht, lindern.

Daher möchte ich TherapeutInnen und LehrerInnen ermutigen, neue innovative Wege zu versuchen und sich zu öffnen, klassische Methoden mit neuen zu kombinieren. Hierbei ist es wichtig, sich interdisziplinär gut zu vernetzen und Möglichkeiten der Nutzung an runden Tischen mit den Schulen und den Eltern offen zu besprechen, auch um mögliche Vorbehalte abzubauen.