Interview

Warum verleihen wir Roboter an Schulen?

Patricia Loibl aus Regensburg, 34 Jahre, ehemalige Lehrerin an der Schule für Kranke in der Kinderklinik Regensburg und ehrenamtliche Projektmanagerin der AV1 Avatar-Flotte des Vereins zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder Ostbayern e.V.

Frau Loibl, wie lange haben Sie an der Schule für Kranke unterrichtet und welche Fächer?

An der Schule für Kranke war ich von 2019 bis 2021 tätig. Eingesetzt war ich hauptsächlich an der Kinderklinik Regensburg auf den Stationen Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation sowie der interdisziplinären Station mit Schwerpunkt Hepatologie. Dort habe ich alle Schularten und Jahrgangsstufen betreut. Aktiv unterrichtet habe ich die Fächer Deutsch, Englisch und Arbeit-Wirtschaft-Technik (AWT). Damit aber auch alle anderen Fächer abgedeckt sind, habe ich außerdem die SchülerInnen mit Materialien in allen anderen Hauptfächern versorgt.

Wie unterscheidet sich der Unterricht an einer Schule für Kranke von dem Unterricht an einer regulären Schule?


Mein Tag begann immer damit, dass ich mir einen Überblick verschaffen musste, welche Kinder aktuell anwesend sind. Neuaufnahmen und Entlassungen können zwar geplant werden, aber meistens bringen die Krankheitsbilder ihre eigenen Pläne mit sich. Im Anschluss habe ich die Schülerinnen auf der Station besucht und versucht zu klären, ob Unterricht möglich ist oder Unterstützung in schulischen Belangen vonnöten ist. Zusätzlich habe ich immer Telefonkontakt zu den Familien gehalten, die schon längere Zeit nicht auf der Station waren.

Was sind die Vorteile für die erkrankten Kinder? Was sind Ihrer Meinung nach die Nachteile?


Die erkrankten Kinder können meistens von heute auf morgen ihre Klasse in der Stammschule nicht mehr besuchen und sind somit ein Stück aus ihrem Alltag entrissen. Schule ist Normalität und auch wenn es manchmal „nervig“ für die SchülerInnen war, dass „schon wieder die Kliniklehrerin kam“ und Hausaufgaben kontrollieren wollte, oder neue Materialien brachte, freuten sich die Kinder. Beständigkeit und eine Aussicht in die Zukunft sorgte für Motivation, nicht aufzugeben.

Wie wichtig ist nach Ihrer pädagogischen Einschätzung Unterricht, während Kinder und Jugendliche erkrankt sind?


Das Feedback der Eltern war durchweg positiv. Die Kontinuität, die durch meine Besuche und den Unterricht geschaffen wurden, sorgt für Abwechslung im manchmal schwierigen Klinikalltag. Vor allem sorgt es aber für Motivation, dass es im Anschluss an die Krankheit weitergeht.

Alleine die Aussicht, dass bald ein kleiner Roboter auf dem eigenen Sitzplatz sitzt, welcher durch das eigene Tablet steuerbar ist, zauberte ein Lächeln ins Gesicht der Kinder.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von dem Schulroboter erfahren haben?

Ich war wirklich begeistert. Zuvor hatten wir an der Schule für Kranke eine andere Möglichkeit, langzeit erkrankte Schülerinnen und Schüler am Unterricht ihrer Stammschule einzubinden, doch dieses System war weitaus weniger interessant und auch komplizierter. Alleine die Vorstellung, dass nun endlich wieder ein Gesicht am Platz eines erkrankten Kindes sitzt, war wundervoll. Ich war selbst vor der Anschaffung unseres ersten Schulroboters total aufgeregt und konnte die Ankunft gar nicht erwarten. Als er da war und ich das erste Mal die verschiedenen Emotionen vom Avatar testete, war ich dann noch begeisterter.

Wie müssen wir uns das Zusammenspiel zwischen Klinikunterricht und Schulroboter im Klassenzimmer der Stammschule vorstellen?


Mit dem Schulroboter wird es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, am Unterricht ihrer Stammschule teilzunehmen. Im Klinikalltag können sie sich somit zum Unterricht hinzuschalten, wenn es die Untersuchungen und ihr Gesundheitszustand zulassen.

Welche Auswirkung hatte der Einsatz des Schulroboters auf die Kinder und Jugendlichen, die ihn nutzen konnten?


Alleine die Aussicht, dass bald ein kleiner Roboter auf dem eigenen Sitzplatz sitzt, welcher durch das eigene Tablet steuerbar ist, zauberte ein Lächeln ins Gesicht der Kinder. Der Tag der Einführung, wo Endgerät mit Avatar verbunden wurde, war aufregend. Beim ersten Mal Steuern des Avatars konnte ich jedes Mal aufs Neue pure Freude und auch Stolz sehen. Die Motivation und Freude endlich mit dem Unterricht loszulegen war enorm. Wir haben uns auch immer einen Spitznamen für den Avatar überlegt, somit war das Ganze noch persönlicher.

Was war Ihrer Meinung nach der größte Nutzen vom Einsatz des Schulroboters für die Klinik-Lehrkräfte?


Da ich mich um alle Jahrgangsstufen kümmerte, die gleichzeitig noch andere Stammschulen hatten, war ein gemeinsamer Unterricht nicht möglich. Der Unterricht fand am Krankenbett im 1zu1 Setting statt. Schülerinnen und Schüler, die den Avatar nutzten, waren somit bestens versorgt, da sie direkt am Unterricht der Stammschule teilnehmen konnten. Für mich selbst war dies eine große Erleichterung und verschaffte mir Zeit, die ich für andere Schülerinnen und Schüler nutzen konnte.

Die Wiedereingliederung wurde durch die Hilfe des Avatars enorm vereinfacht. Da […] hauptsächlich Hauptfächern besucht wurde, haben die Schülerinnen und Schüler auch nicht viel Stoff verpasst.

Welche Rolle spielte der Schulroboter für die Wiedereingliederung der Kinder und Jugendlichen nach Ihrer Erkrankung?

Die Wiedereingliederung wurde durch die Hilfe des Avatars enorm vereinfacht. Da in Absprachen mit der Stammschule der Unterricht, hauptsächlich in den Hauptfächern, besucht wurde, haben die Schülerinnen und Schüler auch nicht viel Stoff verpasst. Von der Stammschule konnte somit auch überprüft werden, ob das Klassenziel, trotz körperlicher Abwesenheit, erreicht wurde. Auch rückblickend bekommen wir das Feedback, dass der Einsatz des Avatars maßgeblich am Bestehen des Klassenziels beitrug, aber auch die Möglichkeit gab, im Klassenverband weiterhin ein aktiver Teil zu bleiben.

Wie aufwändig war die Implementierung des AV1, zum Beispiel die Anschaffung des Avatars, aber auch die Umsetzung mit der Stammschule?


Der VKKK hat die Anschaffung durch Spendengelder organisiert und somit blieb mir Zeit, die organisatorischen Dinge zu übernehmen. Zu Beginn, mit unserem ersten Avatar, gab es die Herausforderung, dass noch keine Schule von dieser Möglichkeit gehört hatte. Die erste Schule war kritisch, was den Datenschutz und die allgemeine Umsetzung anging. In enger Zusammenarbeit konnten wir diese Hürden allerdings stemmen und nach einiger Zeit konnte unser das erste Kind mithilfe des Avatars mit dem Unterricht starten.

Was würden Sie zu Kollegen, Kolleginnen und Lehrkräften sagen, die vor dem Einsatz eines Schulroboters an ihrer Schule zurückschrecken?


Zunächst sind die KollegInnen der Stammschulen natürlich skeptisch, was auch verständlich ist. Mir ist es aber immer besonders wichtig zu betonen, dass die eigentliche Hürde nur die Einverständniserklärung der Eltern und Lehrkräfte am Anfang ist. Sobald dies erledigt ist, läuft es. Das System vom AV1 ist so einfach und intuitiv und natürlich kann endlich das fehlende Klassenmitglied wieder teilnehmen. Spätestens nach dem ersten Einsatz vom AV1 Avatar werden sie begeistert sein.

Warum sollten Ihrer Meinung nach alle Schulträger den Schulroboter anschaffen?


Leider können Krankheiten schneller und plötzlicher als gedacht einen Weg in jedes Klassenzimmer finden. Wenn jede Schule einen Schulroboter hätte, könnte viel schneller gehandelt werden und somit würden erkrankte Schülerinnen und Schüler sofort eingebunden werden können. Außerdem sind die Möglichkeiten von medialem Unterricht viel größer, weil der Schulroboter zum Beispiel für tolle Projekte und Gruppenarbeiten eingesetzt werden kann.

Die AV1 Technologie hilft Schülerinnen und Schülern mit einer Langzeiterkrankung und gestaltet die notwendige Lernvoraussetzung für den Verbleib in der Stammschule und ermöglicht gleichzeitig soziale Teilhabe.

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